Februar
2012:
Angela
Merkels Chinareise hat deutlich gezeigt, wo weltpolitisch
der Hammer hängt. Eigentlich wollte man dort auch
Regimekritiker treffen, doch die Staatsführung
im wirtschaftlich bedeutendsten Land der Welt hatte
dies eben mal abgewürgt.
So mussten sich Merkels Delegation und die mitgeflogenen
Vertreter der deutschen Wirtschaft auf die anderen Gründe
für die Reise beschränken, die da waren: Wirtschaftliche
Gespräche und Verhandlungen und Beteiligung Chinas
am europäischen "Rettungsschirm".
Mit anderen Worten: Gemeinsames Ausloten neuer Profitmöglichkeiten
und Anpumpen des chinesischen Staates ("haste
mal ne Milliarde?"), weil der im Gegensatz
zu Europa noch etwas Patte hat.
China
ist sich durchaus bewusst, dass seine Devisenreserven
als Geld keinen längeren Bestand haben. Entweder
investieren sie in die Schuldenvereinigung Europa auf
die Gefahr hin, das Geld im Fass ohne Boden versickern
zu sehen, oder sie investieren nicht und das Geld verrottet
beim wahrscheinlichen Bankrott des Westens im Geldschrank
zu Hause.
China wählt da lieber die dritte Möglichkeit:
Man kauft weltweit alles auf, was zu haben ist und sicher
bzw. irgendwie mal von Nutzen sein könnte. Ackerland,
Wald, Berge, Sägewerke, Landwirtschaftliche Betriebe,
Industrieanlagen, Immobilien, Schürfrechte und
Liefergarantien, Wasservorkommen, Rebellengruppen und
ganze Regierungen.
Chinas
Aufschwung stützt sich auf zwei Hauptfaktoren,
einmal auf eine schier unerschöpflichen Zahl billigster
Arbeitskräfte und zum anderen auf der Abwesenheit
"lästiger" Regulierungen demokratischer,
sozialer und ökologischer Art. Auf clevere Weise
ist dieses kommunistische Land, - mit so einem macht
der Westen doch eigentlich gar nicht gerne Geschäfte
-, über den Status als Werkbank der Welt zum reichsten
Land geworden.
Man verausgabt sich nicht in teuren Kriegen, wie die
Profilneurotiker in den USA, sondern man stützt
sich auf Vitamin B und wirtschaftliches Sponsoring.
Die in Afrika gebauten Straßen und das neue Kongresszentrum
für die afrikanische Union beispielsweise heben
nicht nur das Ansehen Chinas unter den weniger mächtigen
Völker der Welt, sondern spülen über
kalkulierbare Umwege dauerhaft Ressourcen und Versorgungsgüter
in die chinesische Gesellschaft.
China
muss eigentlich nur abwarten, denn Europa und die USA
erledigen sich selbst mit ihrer Ignoranz und Blindheit
gegenüber längerfristigen Entwicklungen, also
mit ihrem Festhalten an der kapitalistischen Planwirtschaft.
Wenn China demnächst auch militärisch am stärksten
ist, den Weltraum beherrscht wie die Länder der
dritten Welt, die wichtigsten Patente und die irdischen
Bodenschätze, dann könnte auch Angela Merkel
ins Grübeln kommen.
Herausreden wird sie sich mit der Frage: Ja was hätten
wir denn machen sollen, die Wirtschaftspolitik und die
Rettungsorgien waren doch "alternativlos".
Letztlich
aber wird auch China am Boden liegen, denn die ökologischen
und sozialen Schadkosten, welche dort jede Sekunde zu
Gunsten eines Turbowachstums externalisiert werden,
holen das Land in naher Zukunft ein. Ihr Wirtschaftssystem
ist das gleiche, wie jenes des Westens, nur noch in
jeder Hinsicht eine Spur ätzender. Vielleicht will
China ja das sinkende Heimatschiff dann aufgeben und
mittels einer neuen Völkerwanderung ungeahnten
Ausmaßes fremde Länder zur neuen Bleibe machen
wie jetzt gerade im Tibet oder bei den Uiguren.
Wenn
schon der Westen kaum von der Notwendigkeit einer allumfassend
nachhaltigen Wirtschaftsform wie der Kategorischen Marktwirtschaft
überzeugt werden kann, wie kann man da die Chinesen
überzeugen, die sämtlichen Erfolg mit verbrauchenden,
vergiftenden und zerstörenden Aktivitäten
erzielen?
Wir sollten das Konzept von der Kategorischen Marktwirtschaft
weniger als ein Mittel zur Weltrettung betrachten, sondern
als überideologische und weltfreundliche Alternative
wirtschaftlichen Handelns.
Vielleicht wird aus der Theorie ja doch noch eine Praxis,
man weiß ja nie, was morgen an ungewöhnlichen
Erschütterungen unserer industriezeitalterlichen
Bräsigkeit passieren kann.
Halten wir die Sache am Köcheln und würzen
sie weiter.
Januar
2012:
Es
geht mir ebenso, wie vielen anderen Beobachtern:
Man kann es kaum fassen, wie bleiern die Entwicklung
hin zu besseren Zuständen ökologischer, finanzieller,
sozialer und globalpolitischer Art vor unseren Füßen
auf dem Boden liegt und nicht in die Gänge kommt.
Dabei mangelt es eigentlich nicht an Hinweisen und Statements
unabhängiger Köpfe mit wachem Bewusstsein
in der Öffentlichkeit.
Wenn diese auch nicht in den Banalmedien zu finden sind,
so bringen doch seriöse Zeitungen von FAZ bis TAZ
immer wieder außerkonventionelle Beiträge
bzw. Berichte über solche Beiträge von besorgten
Zeitgenossen mit wesentlich mehr Überblick gegenüber
dem politischen Treiben und seinen zukünftigen
Auswirkungen.
Um dann, -nun ja, dies bleibt das Drama-, eher links
wie eher rechts, wieder in altbekannten strukturkonservativen
Rezeptismus und wachstumsideologische Realitätsverbiegung
zu verfallen.
Da wird sämtlicher Käse eines jeden Politikers
zu allen möglichen Themen wiedergekäut, als
bestünde naturwissenschaftliche Gewissheit, und
als seien Alternativen undenkbar und nur mit spitzen
Fingern in Handschuhen aufgreifbar.
Wie sollen wir denn in ein besseres Management unserer
Industriegesellschaft kommen, wenn die alten Kardinalfehler
nicht endlich mal in den Medien als solche bezeichnet
und politische Dummschwätzer und andere Bullshitter
nicht konsequent als solche behandelt werden?
Nachfolgend will ich als Januarbeitrag einen Text
von mir zum Thema Wachstum anbieten, den
im letzten November der SaarHunsrückSpiegel veröffentlichte.
Über
Wirtschaftswachstum
Es
vergeht wohl kaum ein Tag, an welchem Politiker nicht
alle möglichen politischen Entscheidungen mit der
Behauptung begründen, damit könne das Wirtschaftswachstum
gesteigert werden. Der dickste Hammer kursiert derzeit
bezüglich der Finanzkrise in Europa. Mit Wirtschaftswachstum,
so erzählen Politiker unentwegt, könne die
Gesellschaft aus diesem Schuldenschlamassel wieder heraus
kommen. Und nur mit neuen Schulden bzw. Krediten ließe
sich die Wirtschaft wieder ankurbeln. Auch käme
mit hartem Sparkurs etwa Griechenlands Wirtschaft wieder
auf die Beine, und man könne so dann irgendwann
einmal die Hunderte von geliehenen Milliarden zurückzahlen.
Um das Wachstum nicht zu gefährden, müssten
für die armen Banken, die sich wieder verzockt
haben, vor dem ersten Staatsbankrott noch schnell neue
Schutzwälle aus Steuermilliarden her.
Ohne wirtschaftliches Wachstum, so erzählt man
dem Volk außerdem, seien Wohlstand und Fortschritt
in Gefahr, würden Arbeitsplätze verschwinden,
wäre Umweltschutz nicht zu finanzieren, verarme
die Bildung, hätten Drittweltländer keine
Entwicklungschance, usw. Nur durch Wachstum mache die
Wirtschaft mehr Gewinne und könne in neue Arbeitsplätze,
wettbewerbsfähigere Anlagen und in die Entwicklung
neuer Produkte investieren. Nur durch Wachstum könnten
die Menschen mehr verdienen und mehr konsumieren, könnten
die Staatseinnahmen steigen und gleichzeitig die krisenbedingten
Ausgaben sinken, wie Arbeitslosengelder, Rentenzuschüsse
und andere soziale Rettungssubventionen. Am Ende soll
wohl dann das Paradies kommen aus einer sich selbst
ständig befruchtenden Heilsspirale.
So weit die Ideologie, oder sagen wir, die Träumereien
sämtlicher Anhänger des geltenden Wirtschaftssystems.
In Wahrheit hat das Dogma vom Wirtschaftswachstum mindestens
zwei entscheidende Haken:
Erstens werden die spürbaren Wachstumsphasen seit
gut drei Jahrzehnten ständig kürzer und die
Prozentpunkte mickriger. Die finanziellen Erträge
in diesen Phasen sind angesichts der steil wachsenden
Probleme auf allen gesellschaftlichen Ebenen winzig,
ja wahrhaft Tropfen auf heiße Steine. Beispielsweise
kann im Haushaltsjahr 2011 damit nur ein Bruchteil der
trotz Aufschwungs notwendigen NEUverschuldung erübrigt
werden.
Und zweitens: Alle Prozesse, die zu Wirtschaftswachstum
führen, haben gewaltige Nebenwirkungen. Kein Gesetz
zwingt die wirtschaftlich Handelnden, diese Nebenwirkungen
in eine Gesamtrechnung einzubeziehen. Deshalb können
sie ganz legal auf die Allgemeinheit abgewälzt
und in die Verantwortung unserer Kinder und Kindeskinder
verschoben werden. Fachleute sagen: Die Nebenwirkungen
werden externalisiert. Was wir heute an Krisen haben,
ist nichts anderes, als die Summe oder die unübersehbar
gewordenen Zuspitzungen aller Nebenwirkungen aus der
Vergangenheit unseres Wirtschaftssystems. Immer größer
wurde der Haufen aus externalisierten Schäden,
den wir vor uns her schieben. Nur mit größter
Mühe und Kosten kommen wir überhaupt noch
vorwärts. Irgendwann geht schließlich gar
nichts mehr.
Wenn Politiker, Lobbyisten und Bankmanager, wenn sogenannte
Wirtschaftsweise, viele Zeitungskommentatoren, Gewerkschaftssprecher
und auch etliche Schlauberger an Stammtischen über
die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum reden, sollten
wir uns folgende Situation vorstellen: Unsere Volkswirtschaft
ist wie ein schwerkranker Patient auf der Intensivstation
im Krankenhaus. Er wurde vergiftet durch jahrelange
Einnahme eines schädlichen Stoffes namens Wirtschaftswachstum.
Als Ärzte stehen die Vertreter der oben genannten
Interessengruppen um das Bett herum und empfehlen allen
Ernstes, nur durch weitere und verstärkte Einnahme
desselben Giftes, könne der Patient wieder gesund
werden.
- So sieht es aus, deshalb muss die gegenwärtige
Industriegesellschaft zwangsläufig scheitern, sofern
wir nicht endlich Abschied nehmen vom Kapitalismus,
und ein Wirtschaftssystem entwickeln, bei welchem Qualität,
Bewahrung, Regionalität, echte Nachhaltigkeit und
Zukunftsfähigkeit die obersten Rechengrößen
sind.
Carl
Rheinländer

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