Mai
2012:
Artikel
vom April 2012 veröffentlicht im Saarhunsrückspiegel:
Über die eigentlich natürlichste Sache
der Welt - oder: Plädoyer für die Rettung
des Hebammenberufs
von Carl Rheinländer
Ein
Merkmal unserer Gegenwart ist es, dass Verhältnisse,
die eigentlich zur Natur von uns Menschen gehören,
auf einmal nicht mehr gültig sind. Dies gilt mittlerweile
auch für die "eigentlich" natürlichste
Sache, die Geburt. Für das Zurweltkommen eines
Menschen hat die Natur, die Evolution oder die Schöpfung,
egal aus welcher Sicht aus betrachtet, einen eindeutigen
Weg festgelegt. Zu diesem gehört in fast allen
Weltkulturen das soziale Ritual der Geburtshilfe durch
Hebammen. Der Beruf Hebamme ist deshalb einer der ältesten
und elementarsten überhaupt. Dennoch ist er heute
durch einäugige, gesellschaftspolitische Faktoren
nahezu vom Aussterben bedroht.
1.)
Faktor Sicherheit: Natürlich verläuft eine
Geburt nicht bei jedem Menschen ohne Komplikationen.
Sind ernstere davon zu erwarten, muss die Geburt ein
Gynäkologe leiten, bzw. sollte sie dort stattfinden,
wo jener schnell zur Stelle ist. In Deutschland, das
zeigen Studien und Statistiken, gibt es im Vergleich
unterschiedlicher Geburtsumstände, also bei Hausgeburt,
Geburt im Geburtshaus, der im Krankenhaus oder jener
mit einem Gynäkologen, keine Unterschiede in der
Kindstodrate. In Holland (Hausgeburtenanteil über
25 %, Deutschland nur gut 1,5 %), liegt einzelnen Studien
zu Folge die Kindssterblichkeit um einige Hundertstel
Prozent höher, als in den meisten westeuropäischen
Ländern. Ob man die Zustände aber so einfach
vergleichen kann, ist fragwürdig. Holländische
Mütter sind durchschnittlich älter als deutsche.
Frauen ethnischer Minderheiten mit Gewohnheiten, wie
Rauchen während der Schwangerschaft, sind zahlreicher.
Ein Kindstod in Deutschland kann sich aus der perinatalen
Phase (7 Tage) durch Intensivbehandlung in die neonatale
(8 bis 28 Tage) oder spätere Phase verschieben,
also in eine andere Statistik, oder findet durch frühe
Abtreibung gar nicht statt. Oder wieso beispielsweise
ist die Sterblichkeit in Österreich höher,
wo Hebammen noch weniger dürfen als in Deutschland,
und erst Recht in den USA, wo es praktisch keine Hebammen
gibt? Letztendlich führt dieses bürokratisch-statistische
Zahlengefecht zur Verunglimpfung der natürlichen
Geburt mit Hebammen und zur immer stärkeren Verunsicherung
deutscher Frauen.
2.) Faktor Kosten: In den letzten beiden Jahren stieg
die Haftpflichtversicherung für Hebammen von 1300
auf 4600 Euro an und soll noch weiter erhöht werden.
Heute schon muss eine freie Hebamme als Unternehmerin
mit einem Nettostundenlohn um 7,50 Euro auskommen, weniger,
als ein ungelernter Müllarbeiter verdient. Angesichts
dessen, was sie für die Frauen neben der eigentlichen
Geburt noch leistet, - Geburtsvorbereitung, Umgang mit
Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit, möglichen
Angstzuständen und Wehen, Atemtechnik, Wochenbettbetreuung,
Stillberatung, Rückbildungsgymnastik, usw., also
Zeit, Zuwendung und Zwiesprache, ja die ganze psychosoziale
Versorgung auch Feiertags und rund um die Uhr, - ist
diese Entlohnung blanker Hohn. Gegenüber dieser
gerade stattfindenden Zerstörung eines echten Frauenberufes
klingt die moderne Diskussion für mehr Frauen im
Berufsleben als pure Heuchelei. Seit etlichen Jahren
schon arbeitet das Bundesgesundheitsministerium an einer
Studie zur Arbeitssituation von Hebammen. Bald wird
sich das Ergebnis erübrigt haben.
Was
muss geschehen? Die Haftpflichtversicherung, die ja
auch in Kliniken zur Einsparung von Hebammen führt,
muss aus Steuermitteln bezahlt werden. Ein Staat, der
den Kindersegen als unverzichtbar für die Zukunft
der Gesellschaft hält, kann nicht jene zur Kasse
bitten, die beim Kinderkriegen umfangreichste Hilfe
leisten. Die Krankenkassen müssen gezwungen werden,
ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachzukommen und Hebammen
"ihrer wirtschaftlichen Situation gemäß
angemessen" zu entlohnen. Derzeit noch können
sie sich, wie auch beim Thema Altenpflegeentlohnung,
hinter unmenschlichen Effizienzfantasien verstecken.
Jetzt, wo gerade die enormen Kassenüberschüsse
verteilt werden sollen, wäre der ideale Zeitpunkt.
Der Kaiserschnitt (Anteil derzeit schon bei 35 %) muss
auf besonders schwierige Fälle beschränkt
bleiben. Bei gesunden Frauen hat dieser überhaupt
keine Vorteile, wohl aber oft Nachteile wie Verwachsungen
im Bauch der Mutter oder Atemprobleme beim Kind, und
er macht weitere medizinische Eingriffe wahrscheinlicher.
Er verhindert den natürlichen Verlauf einer Geburt
und behindert das Zustandekommen einer günstigen
Mutter-Kind-Beziehung. Außerdem ist er enorm teuer.
Geburt ist doch keine Krankheit, wie es die Weltgesundheitsorganisation
ausdrückt und erst recht nicht ein Ernstfall, der
in den OP gehört .
Ein vernünftiger Spagat zwischen Vertrauen in natürliche
Vorgänge und Gerüstetsein für mögliche
Komplikationen, ist in Deutschland bisher misslungen.
Wir haben nie da gewesene Geburtskosten, traumatische
Klinikerlebnisse für die meisten Frauen, eine steigende
Unverzichtbarkeit medizinischer Spezialisten samt Apparaten
und Medikamenten und auch immer mehr dauergeschädigte
und lebenslang pflegebedürftige Kinder.
Statt
Schwangere zu ermutigen, sich mit einer Hebamme als
ausgebildeter Spezialistin in Ruhe auf das in Wahrheit
freudige Ereignis vorzubereiten, wird die Hebammenversorgung
in Deutschland immer alarmierender ausgedünnt.
Immer unerreichbarer wird die WHO-Forderung, dass jede
Frau so gebären können sollte, "wie und
wo sie es will". Und immer ferner rückt der
simple, natürliche Wunsch vieler Menschen, wie
er stellvertretend von Gesundheitswissenschaftlerin
Professorin Beate Schücking von der Uni Leipzig
ausgesprochen wurde, dass "möglichst viele
Frauen ihre Kinder mit möglichst wenigen Eingriffen
bekommen sollen und sie diese Geburt als gute und sie
stärkende Erfahrung erleben können".
Auch als Mann weiß ich, was dies heißt.
Zwei unserer Kinder kamen als Hausgeburt zur Welt, und
dabei waren nur Mutter, Vater und eine der wunderbarsten
Frauen der Welt: unsere Hebamme.
April
2012:
Artikel
vom Januar 2012 veröffentlicht im Saarhunsrückspiegel:
Über
den Begriff Wohlstand
Dem Volk Wohlstand zu versprechen, bzw. die Gefährdung
des Wohlstands durch andere Parteien lautstark zu befürchten,
erhöhte immer schon die Wiederwahlchancen für
Politiker. Dabei ist Wohlstand doch ein recht schwammiger,
ja sogar ein sehr zwiespältiger Begriff. In seiner
grundlegendsten Bedeutung, also als Befriedigung der
wichtigsten Lebensbedürfnisse eines jeden, wird
Wohlstand von keinem in Frage gestellt. In der frühen
Bundesrepublik beispielsweise strebten alle einen selbstverständlichen
Mindeststandart an, etwa für jeden Obdach und genug
zu essen, eine Verdienstmöglichkeit aus eigener
Arbeitskraft, Alltagsstabilität, Rechtssicherheit,
verlässliche Perspektiven für die Zukunft
oder auch, sich etwas leisten zu können, was das
Leben erleichterte und angenehmer machte.
Doch sehr früh schon wurde auch Kritik laut. Ludwig
Erhard, Mitbegründer der sozialen Marktwirtschaft,
sagte 1957: "Wir werden mit Sicherheit dahin gelangen,
dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer
richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr
materiellen Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht
sinnvoller ist, unter Verzichtsleistung auf diesen Fortschritt"
mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr
Erholung zu gewinnen."
Und was Erhard befürchtete, ist eingetroffen. Während
heute nur noch der Konsum neuer Produkte und Bequemlichkeiten
als Wohlstand gilt, ist Zufriedenheit ohne viele Dinge
total uncool und verpönt und wird gar der Faulheit
und der Erfolglosigkeit verdächtigt.
Vom Trend zu materiellem Wohlstand profitiert kurzfristig
die ganze Wirtschaft. Unseren Alltag hat sie weitgehend
in eine Dauerwerbeveranstaltung verwandelt. Massiv,
und mit Billigung der Politik, zapft sie unser Unterbewusstsein
an, um immer mehr Ersatzbefriedigungen für fehlendes
Glück unters Volk zu bringen. Die Nachricht von
Ende Dezember 2011, der private Konsum in Deutschland
sei ungewöhnlich hoch gewesen und
hätte die Konjunktur im Plus gehalten, ist für
Geschäftemacher und Anhänger der Wachstumsideologie
eine gute Nachricht. Langfristig aber und genauer betrachtet
sagt dies nichts anderes aus, als dass wieder einmal
mehr Ressourcen verschwendet, mehr Umweltzerstörung
verursacht und mehr Müll produziert wurde, und
die Leute aus Mangel an Zufriedenheit, Lebensqualität
und Zukunftshoffnung zunehmend in den Konsum flüchteten.
Die Parole heißt: All you can eat!,
statt Simplify your life!, also, Iss
soviel du kannst!, statt Vereinfache dein
Leben! Wer viel kaufen will braucht aber mehr
Geld, muss also mehr arbeiten, hat weniger Zeit für
sich und die Familie, für soziales Engagement und
politische Einmischung, hat mehr Stress, mehr Gesundheitsrisiken
und sonstige Folgeprobleme.
Reicht es nicht, unsere Wünsche und Bedürfnisse
an den ökologischen Grenzen des Planeten zu orientieren?
Heißt Freiheit im Wohlstand nicht eher, auf der
Arbeit und gegenüber anderen Alltagszwängen
öfter mal nein sagen zu können, ohne Nachteile
befürchten zu müssen? Heißt Wohlstand
nicht beispielsweise auch, dass unser Arzt uns durchaus
auch mal eine Stunde zuhören kann und eine Schwester
im Krankenhaus nicht 10 sondern nur 3 Patienten betreuen
muss? Heißt Sicherheit im Wohlstand nicht auch,
in Würde alt werden zu können und nicht
im Pflegenotstand irgendwo vertrocknen zu müssen?
Ja ist als Wohlstand nicht auch zu verstehen, dass das
Volk den Bundespräsidenten bestimmt, statt dass
Regierungsparteien dort stets einen ungefährlichen
Getreuen aus den eigenen Reihen installieren?
Momentan sind wir eher in der Rolle des Esels, dem an
Stock und Schnur eine Möhre vor der Nase baumelt.
So emsig wir auch weiter traben, um die Wohlstandsrübe
zu erwischen, wir tragen nur den Reiter zu seinem Ziel.
Dabei zertrampeln wir alles, was unter uns von selber
wächst und womöglich viel besser schmeckt.
Wir sollten überlegen, stehen zu bleiben, den Ballast
abzuwerfen und uns nach unten zu den saftigen Kräutern
zu bücken.
Die Blase aus Wohlstand durch Konsum- wird, allem
Politikergeschwafel zum Trotz, ohnehin bald platzen,
sei es aus ökologischen oder aus finanziellen Gründen.
Blöd, wer bis da nur fürs Einkaufen
gelebt hat.
Carl Rheinländer
März
2012:
Artikel
vom Dezember 2011 veröffentlicht im Saarhunsrückspiegel
Über
die Nebenwirkungen des Wirtschaftssystems
Nicht
nur wenn die Wirtschaft wächst, sondern unaufhörlich
und untrennbar, verursacht sie im Rahmen der momentan
geltenden ökonomisch-politischen Regelungen enorme
Schäden an der Allgemeinheit und schwere Probleme
für die Lebensbedingungen in der Zukunft.
Gegenüber den unmittelbarsten und offensichtlichsten
Nebenwirkungen jeder wirtschaftlichen Unternehmung gibt
es zwar Gesetze und Regeln, welche die Entstehung möglicher
Schäden verhindern sollen. Beispielsweise: Emissionsauflagen
für Fabriken, soziale Mindeststandards für
Beschäftigte, Wasserrichtlinien, Abfallgesetze,
Gesundheits- und Hygienevorschriften, Kartell-, Finanz-
und Insolvenzgesetze, Waffenexportverbote, usw.. Diese
werden meist angenommen und befolgt, weil es den Unternehmer
anderenfalls teuer zu stehen käme. Die Kosten dafür
rechnet er jeweils in seine Gesamtbilanz, bzw. in den
Warenpreis ein.
Darüber hinaus aber gibt es schädliche Nebenwirkungen,
die erst über größere Zeiträume
oder Entfernungen spürbar werden, bzw. sich über
andere unübersichtliche Umwege auswirken. Hier
lassen sich Zusammenhänge abstreiten und angemessene
Regulierungen verhindern.
Ganz grob kann man diese in vier Gruppen einteilen,
in ökologische, finanzielle, soziale und in politische
Schäden. Ökologischen Schäden (1) sind
die immer dramatischer werdenden Umweltprobleme, also
die Entwertung und Zerstörung der natürlichen
Lebensgrundlagen von uns Menschen. Die finanziellen
Schäden (2) sind das reale Ergebnis davon, dass
unser Wirtschaftssystem nur mit Schuldenmachen funktioniert
und Geld immer zu Geld fließt. Die sozialen Schäden
(3) sind alle negativen Alltagsveränderungen für
jeden Einzelnen und für die Gesellschaft. Die politischen
Schäden (4), bisher wenig beachtet weil nur sehr
indirekt wirkend, sind alle innen- und außenpolitischen
Verschärfungen unserer Lebenswirklichkeit.
Ein jegliches Produkt, welches wir konsumieren, ob Ware,
ob Dienstleistung, ob im Inland oder im Ausland hergestellt,
verursacht zwangsläufig über den gesamten
Bereitstellungsweg hinweg mehr oder weniger Schäden
dieser vier Kategorien. Die Erklärung für
diese, zunächst befremdend wirkende Feststellung,
ist ganz einfach: Wenn ein Produzent zur Herstellung
eines Produkts durch die Verursachung eines Schadens
einen Wettbewerbsvorteil bekommen kann, und er für
diesen Schaden NICHT haften muss, dann wird er diesen
Schaden auch verursachen. Alle seine Mitkonkurrenten
tun das Gleiche. So ist im gegenwärtigen Wirtschaftsystem
die Verursachung von Schäden, die auf die Allgemeinheit
oder in die Zukunft abgewälzt, also externalisiert
werden können, stillschweigend zum bedeutendsten
Produktionsfaktor geworden.
Einige Problembeispiele und Stichworte hierzu:
(1): Klimaerwärmung, Meeresverschmutzung, Bodenverseuchung,
Trinkwasserverknappung Landschaftsverbrauch, radioaktiver
Abfall, Artensterben, usw.
(2): Geldfluss einspurig von arm zu reich, von Region
zu Metropole, von Staatseigentum zu Finanzmarktbesitz,
von öffentlicher Daseinfürsorge zu Zins- und
Gläubigerdienst,
(3): Massenhafter Mangel an guten und vernünftig
bezahlten Arbeitsplätzen, Pflegenotstand, Erosion
des Gesundheitssystems, Zunahme von Zivilisations- und
psychischen Krankheiten, Verarmung und ökonomische
Fixierung im Bildungssystem, Degradierung unserer Kinder
zu folgsamen Konsumenten überflüssiger Industrieprodukte,
Ausgrenzung ökonomisch nicht brauchbarer Mitbürger,
usw.
(4): zunehmende Gewalt, Korruption, Zerfall von Moral,
Solidarität und Demokratie, Verblödung durch
Medien- und Konsumberieselung, Terrorismus, Flüchtlinge,
Piraterie, usw.
Momentan sehen wir nur die Schuldenkrise, und wie nach
Griechenland, Italien usw. auch Deutschland am Ende
fällig ist. Der Bankrott auf den anderen drei Feldern,
auf welchen wir uns ebenfalls immer stärker "verschulden",
wird aber kein Knall sein, sondern ein allmählicher,
bitterer Zerfall jeglicher Normalität. Hier wäre
energisches Handeln wesentlich wichtiger. Doch die Politik
ist weit davon entfernt, das Wirtschaftssystem so radikal
neu zu regeln, dass keine Schäden mehr verursacht
und externalisiert werden. Immerhin verdienen ja einige
mächtige Leute daran prächtig, und - noch
glaubt das Volk die Illusion von Wohlstand.
Carl
Rheinländer
Februar
2012:
Angela
Merkels Chinareise hat deutlich gezeigt, wo weltpolitisch
der Hammer hängt. Eigentlich wollte man dort auch
Regimekritiker treffen, doch die Staatsführung
im wirtschaftlich bedeutendsten Land der Welt hatte
dies eben mal abgewürgt.
So mussten sich Merkels Delegation und die mitgeflogenen
Vertreter der deutschen Wirtschaft auf die anderen Gründe
für die Reise beschränken, die da waren: Wirtschaftliche
Gespräche und Verhandlungen und Beteiligung Chinas
am europäischen "Rettungsschirm".
Mit anderen Worten: Gemeinsames Ausloten neuer Profitmöglichkeiten
und Anpumpen des chinesischen Staates ("haste
mal ne Milliarde?"), weil der im Gegensatz
zu Europa noch etwas Patte hat.
China
ist sich durchaus bewusst, dass seine Devisenreserven
als Geld keinen längeren Bestand haben. Entweder
investieren sie in die Schuldenvereinigung Europa auf
die Gefahr hin, das Geld im Fass ohne Boden versickern
zu sehen, oder sie investieren nicht und das Geld verrottet
beim wahrscheinlichen Bankrott des Westens im Geldschrank
zu Hause.
China wählt da lieber die dritte Möglichkeit:
Man kauft weltweit alles auf, was zu haben ist und sicher
bzw. irgendwie mal von Nutzen sein könnte. Ackerland,
Wald, Berge, Sägewerke, Landwirtschaftliche Betriebe,
Industrieanlagen, Immobilien, Schürfrechte und
Liefergarantien, Wasservorkommen, Rebellengruppen und
ganze Regierungen.
Chinas
Aufschwung stützt sich auf zwei Hauptfaktoren,
einmal auf eine schier unerschöpflichen Zahl billigster
Arbeitskräfte und zum anderen auf der Abwesenheit
"lästiger" Regulierungen demokratischer,
sozialer und ökologischer Art. Auf clevere Weise
ist dieses kommunistische Land, - mit so einem macht
der Westen doch eigentlich gar nicht gerne Geschäfte
-, über den Status als Werkbank der Welt zum reichsten
Land geworden.
Man verausgabt sich nicht in teuren Kriegen, wie die
Profilneurotiker in den USA, sondern man stützt
sich auf Vitamin B und wirtschaftliches Sponsoring.
Die in Afrika gebauten Straßen und das neue Kongresszentrum
für die afrikanische Union beispielsweise heben
nicht nur das Ansehen Chinas unter den weniger mächtigen
Völker der Welt, sondern spülen über
kalkulierbare Umwege dauerhaft Ressourcen und Versorgungsgüter
in die chinesische Gesellschaft.
China
muss eigentlich nur abwarten, denn Europa und die USA
erledigen sich selbst mit ihrer Ignoranz und Blindheit
gegenüber längerfristigen Entwicklungen, also
mit ihrem Festhalten an der kapitalistischen Planwirtschaft.
Wenn China demnächst auch militärisch am stärksten
ist, den Weltraum beherrscht wie die Länder der
dritten Welt, die wichtigsten Patente und die irdischen
Bodenschätze, dann könnte auch Angela Merkel
ins Grübeln kommen.
Herausreden wird sie sich mit der Frage: Ja was hätten
wir denn machen sollen, die Wirtschaftspolitik und die
Rettungsorgien waren doch "alternativlos".
Letztlich
aber wird auch China am Boden liegen, denn die ökologischen
und sozialen Schadkosten, welche dort jede Sekunde zu
Gunsten eines Turbowachstums externalisiert werden,
holen das Land in naher Zukunft ein. Ihr Wirtschaftssystem
ist das gleiche, wie jenes des Westens, nur noch in
jeder Hinsicht eine Spur ätzender. Vielleicht will
China ja das sinkende Heimatschiff dann aufgeben und
mittels einer neuen Völkerwanderung ungeahnten
Ausmaßes fremde Länder zur neuen Bleibe machen
wie jetzt gerade im Tibet oder bei den Uiguren.
Wenn
schon der Westen kaum von der Notwendigkeit einer allumfassend
nachhaltigen Wirtschaftsform wie der Kategorischen Marktwirtschaft
überzeugt werden kann, wie kann man da die Chinesen
überzeugen, die sämtlichen Erfolg mit verbrauchenden,
vergiftenden und zerstörenden Aktivitäten
erzielen?
Wir sollten das Konzept von der Kategorischen Marktwirtschaft
weniger als ein Mittel zur Weltrettung betrachten, sondern
als überideologische und weltfreundliche Alternative
wirtschaftlichen Handelns.
Vielleicht wird aus der Theorie ja doch noch eine Praxis,
man weiß ja nie, was morgen an ungewöhnlichen
Erschütterungen unserer industriezeitalterlichen
Bräsigkeit passieren kann.
Halten wir die Sache am Köcheln und würzen
sie weiter.
Januar
2012:
Es
geht mir ebenso, wie vielen anderen Beobachtern:
Man kann es kaum fassen, wie bleiern die Entwicklung
hin zu besseren Zuständen ökologischer, finanzieller,
sozialer und globalpolitischer Art vor unseren Füßen
auf dem Boden liegt und nicht in die Gänge kommt.
Dabei mangelt es eigentlich nicht an Hinweisen und Statements
unabhängiger Köpfe mit wachem Bewusstsein
in der Öffentlichkeit.
Wenn diese auch nicht in den Banalmedien zu finden sind,
so bringen doch seriöse Zeitungen von FAZ bis TAZ
immer wieder außerkonventionelle Beiträge
bzw. Berichte über solche Beiträge von besorgten
Zeitgenossen mit wesentlich mehr Überblick gegenüber
dem politischen Treiben und seinen zukünftigen
Auswirkungen.
Um dann, -nun ja, dies bleibt das Drama-, eher links
wie eher rechts, wieder in altbekannten strukturkonservativen
Rezeptismus und wachstumsideologische Realitätsverbiegung
zu verfallen.
Da wird sämtlicher Käse eines jeden Politikers
zu allen möglichen Themen wiedergekäut, als
bestünde naturwissenschaftliche Gewissheit, und
als seien Alternativen undenkbar und nur mit spitzen
Fingern in Handschuhen aufgreifbar.
Wie sollen wir denn in ein besseres Management unserer
Industriegesellschaft kommen, wenn die alten Kardinalfehler
nicht endlich mal in den Medien als solche bezeichnet
und politische Dummschwätzer und andere Bullshitter
nicht konsequent als solche behandelt werden?
Nachfolgend will ich als Januarbeitrag einen Text
von mir zum Thema Wachstum anbieten, den
im letzten November der SaarHunsrückSpiegel veröffentlichte.
Über
Wirtschaftswachstum
Es
vergeht wohl kaum ein Tag, an welchem Politiker nicht
alle möglichen politischen Entscheidungen mit der
Behauptung begründen, damit könne das Wirtschaftswachstum
gesteigert werden. Der dickste Hammer kursiert derzeit
bezüglich der Finanzkrise in Europa. Mit Wirtschaftswachstum,
so erzählen Politiker unentwegt, könne die
Gesellschaft aus diesem Schuldenschlamassel wieder heraus
kommen. Und nur mit neuen Schulden bzw. Krediten ließe
sich die Wirtschaft wieder ankurbeln. Auch käme
mit hartem Sparkurs etwa Griechenlands Wirtschaft wieder
auf die Beine, und man könne so dann irgendwann
einmal die Hunderte von geliehenen Milliarden zurückzahlen.
Um das Wachstum nicht zu gefährden, müssten
für die armen Banken, die sich wieder verzockt
haben, vor dem ersten Staatsbankrott noch schnell neue
Schutzwälle aus Steuermilliarden her.
Ohne wirtschaftliches Wachstum, so erzählt man
dem Volk außerdem, seien Wohlstand und Fortschritt
in Gefahr, würden Arbeitsplätze verschwinden,
wäre Umweltschutz nicht zu finanzieren, verarme
die Bildung, hätten Drittweltländer keine
Entwicklungschance, usw. Nur durch Wachstum mache die
Wirtschaft mehr Gewinne und könne in neue Arbeitsplätze,
wettbewerbsfähigere Anlagen und in die Entwicklung
neuer Produkte investieren. Nur durch Wachstum könnten
die Menschen mehr verdienen und mehr konsumieren, könnten
die Staatseinnahmen steigen und gleichzeitig die krisenbedingten
Ausgaben sinken, wie Arbeitslosengelder, Rentenzuschüsse
und andere soziale Rettungssubventionen. Am Ende soll
wohl dann das Paradies kommen aus einer sich selbst
ständig befruchtenden Heilsspirale.
So weit die Ideologie, oder sagen wir, die Träumereien
sämtlicher Anhänger des geltenden Wirtschaftssystems.
In Wahrheit hat das Dogma vom Wirtschaftswachstum mindestens
zwei entscheidende Haken:
Erstens werden die spürbaren Wachstumsphasen seit
gut drei Jahrzehnten ständig kürzer und die
Prozentpunkte mickriger. Die finanziellen Erträge
in diesen Phasen sind angesichts der steil wachsenden
Probleme auf allen gesellschaftlichen Ebenen winzig,
ja wahrhaft Tropfen auf heiße Steine. Beispielsweise
kann im Haushaltsjahr 2011 damit nur ein Bruchteil der
trotz Aufschwungs notwendigen NEUverschuldung erübrigt
werden.
Und zweitens: Alle Prozesse, die zu Wirtschaftswachstum
führen, haben gewaltige Nebenwirkungen. Kein Gesetz
zwingt die wirtschaftlich Handelnden, diese Nebenwirkungen
in eine Gesamtrechnung einzubeziehen. Deshalb können
sie ganz legal auf die Allgemeinheit abgewälzt
und in die Verantwortung unserer Kinder und Kindeskinder
verschoben werden. Fachleute sagen: Die Nebenwirkungen
werden externalisiert. Was wir heute an Krisen haben,
ist nichts anderes, als die Summe oder die unübersehbar
gewordenen Zuspitzungen aller Nebenwirkungen aus der
Vergangenheit unseres Wirtschaftssystems. Immer größer
wurde der Haufen aus externalisierten Schäden,
den wir vor uns her schieben. Nur mit größter
Mühe und Kosten kommen wir überhaupt noch
vorwärts. Irgendwann geht schließlich gar
nichts mehr.
Wenn Politiker, Lobbyisten und Bankmanager, wenn sogenannte
Wirtschaftsweise, viele Zeitungskommentatoren, Gewerkschaftssprecher
und auch etliche Schlauberger an Stammtischen über
die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum reden, sollten
wir uns folgende Situation vorstellen: Unsere Volkswirtschaft
ist wie ein schwerkranker Patient auf der Intensivstation
im Krankenhaus. Er wurde vergiftet durch jahrelange
Einnahme eines schädlichen Stoffes namens Wirtschaftswachstum.
Als Ärzte stehen die Vertreter der oben genannten
Interessengruppen um das Bett herum und empfehlen allen
Ernstes, nur durch weitere und verstärkte Einnahme
desselben Giftes, könne der Patient wieder gesund
werden.
- So sieht es aus, deshalb muss die gegenwärtige
Industriegesellschaft zwangsläufig scheitern, sofern
wir nicht endlich Abschied nehmen vom Kapitalismus,
und ein Wirtschaftssystem entwickeln, bei welchem Qualität,
Bewahrung, Regionalität, echte Nachhaltigkeit und
Zukunftsfähigkeit die obersten Rechengrößen
sind.
Carl
Rheinländer

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